Die Kakerlake im Todeskampf

Gerade habe ich in meinem Badezimmer eine Kakerlake ertränkt. Noch während ich sie den Abfluss hinunter geschubst und den Wasserhahn geöffnet habe, wurde ich mir meiner Brutalität bewusst. Ich begann meine im Affekt ausgeführte Tat zu bereuen! Aber warum nur?Ich sehe die letzten Augenblicke nochmals vor meinen Augen: Die Szene, wie sie zuerst versucht hat davonzurennen, dann als sie die Ausweglosigkeit erkannte hatte, wie sie eine andere Strategie verfolgend kurz gestoppt hatte, sich tot stellend, um dann schliesslich als letzter Versuch nochmals zu versuchen davonzurennen. Beide Strategien sind nachvollziehbar, aber natürlich gegen mich chancenlos. Ich habe sie mit meiner körperlichen Überlegenheit gnadenlos in den Abfluss hineingeschubst. Mit dem aufkommenden Mitleid erfasst, liess ich das Wasser extra lang fliessen, damit sie wenigstens richtig ersäuft, und möglichst nicht so lange leiden muss. Alles zu spät dachte ich. So oder so: sie wird ersaufen, das heist ersticken, das bedeutet leiden. Meine Gedanken waren bei ihrem Überlebenskampf und machten mich ein wenig traurig. Ich bereute meine Tat. Auch jetzt nochmals, wo ich das niederschreibe. Dabei war es doch nur eine Kakerlake! Wie auch immer, ich habe ihre Reaktion verstanden. Ich habe mich in ihre Situation einfühlen können (dachte ich zumindest!). Ich habe mich ein Stück weit mit ihr identifiziert. Ich war gedanklich in ihr drin. Ich dachte ich wäre sie. Habe ich damit mein „alter ego” ersäuft?

Wieso habe ich sie nicht einfach aus dem Fenster geworfen? Naja, diese Kakerlaken sind ja doch sehr schnell, und vielleicht wäre sie mir entwischt. Das Bad ist frisch renoviert. Ich möchte nicht, dass sich Schädlinge einnisten. Ich wollte sichergehen dass sie verschwindet aus MEINEM Bad. Dieser Gedankengang muss wohl, auch wenn unterbewusst, stärker gewesen sein. Ehrlich gesagt: Irgendwie bin ich jetzt auch froh, dass sie weg ist.
Wie konnte ich mich mit einem so kleinen unwichtigen Insekt , wie einer Kakerlake, identifizieren? Beruht ein solches Mitgefühl nicht auf einem Fehlurteil? Warum identifizieren wir uns so schnell mit Tieren, selbst mit so kleinen Ungeziefern?
Diese Frage scheint mir relativ gut beantwortbar zu sein, sogar wenn es sich um Insekten oder Ungeziefer handelt. Wir sind auch Tiere! Ihr Verhalten ist uns vertraut, ihre Erscheinung ist in gewissen Grundzügen (je nach Tier) ähnlich. Sie haben eine Präsenz, sie gehen Zwecken nach, haben innere und äussere Zwänge. All das kennen wir auch. Alle diese Sachen verbinden uns mit ihnen. Und: wir Menschen sind soziale Wesen. Ob angeboren oder kulturell geprägt: wir interessieren uns für den Anderen, der Blick trifft uns: „ça me regard”. Hier ist dieser Andere ein Tier, auch wenn noch so klein.
Und trotzdem: wir sind (oder fühlen uns) „dem Tier» über-legen. Wir bestimmen über sie, als ob sie bloss eine Sache sind. Rechtlich gesehen sind Tiere eine Sache mit gewissen Zusatzrechten. In diesem Zwiespalt, stehen wir: Identifikation, oder zweckdienliche Sache. Über den  (ethisch-moralischen) Status sind selbst höchst verunsichert, genauso wie über unsere Beziehung zu den Tieren. Warum ist ein Schwein im Mastbetrieb nicht viel mehr als eine Kennzahl während der Hund in der Stube sogar mit Pullöverchen und blinkendem Halsarmband zum Mitglied der Familie wird? Beides ist sonderbar, aber heut zu Tage nicht abnormal. Wie bringen wir das zusammen? Beides sind Tiere mit ähnlichen Fähigkeiten. Wie rechtfertigt sich diese so unterschiedliche moralische Bewertung? Wie kommt diese extreme Differenz?

4 thoughts on “Die Kakerlake im Todeskampf

  1. Für mich sind dies relevante Gedanken, da gerade unser heutiges enges Zusammenleben nur mit Mitgefühl möglich wird. Besonders sichtbar wird es, wenn es an diesem Mitgefühl mangelt oder es sogar ganz fehlt (im einen Fall, wenn man im vollen Bus jemanden mit Handicap nicht sitzen lässt, und im anderen Fall, wenn eine soziopathisch veranlagte Person emotionslos eine andere Person ermordet). Auf der artübergreifenden Ebene ist dies, wie Du schon geschrieben hast, ebenfalls spannend und teilweise paradox. Mir wird in solchen Fragestellungen stets sehr bewusst, dass es menschlich ist, kleine Gruppen von uns bekannten Individuen als wichtiger zu erachten als eine grosse Zahl uns weniger bekannter Individuen. Dasselbe gilt auch für Tiergruppen, besonders, wenn uns das Verdrängen ihres Leids Vorteile bringt. In diesem Zusammenhang habe ich mich immer öfter gefragt, was menschlich sein eigentlich bedeutet, und ich meine dies ganz vom ethisch moralischen Aspekt losgelöst. Wir kategorisieren Tiere auch durch ihr Verhalten (weibliche Elefanten sind gesellig, es gibt aggressive amerikanische Bienen, Kühe sind sanft). Wie sind Menschen, wenn sie nicht massiv äusseren Drücken ausgesetzt sind, wie dies jetzt häufig der Fall ist? Was ist ein natürliches Leben für einen Menschen? Sind Stereotypen artdefinierend oder rassistisch? Was ist mit all den bunten und schlussendlich zahlreicheren Ausnahmen?

    Ich kann Dir vielleicht noch was zu der Kakerlake sagen: die sind wirklich überaus zäh und ertrinken nicht so schnell. Das ist auch der Grund, warum die Kleinen auch immer wieder in den saubersten Wohnungen auftauchen, die kommen nämlich über die Kanalisation. Da hast Du Deine Kakerlake wahrscheinlich einfach weitergeschickt 🙂

    1. Vielen Dank für deinen Beitrag!
      Ja, ich finde auch, dass man sich Gedanken zur «Tierfrage» erst einmal losgelösst von ethisch-moralischen Erwägungen machen sollte. Diese drängen uns eh schon in eine («metaphysische») immergleiche Richtung. Interessant ist es ja vor allem, wenn wir versuchen zu verstehen, wo so gravierende Unterschiede in der Bewertung stattfinden, warum unser Denken zu solchen «paradoxen» Resultaten kommt. Da können wir viel über uns lernen.

      1. Ja nicht wahr, es ist leicht, nur mit sprachloser Entrüstung zu reagieren- oder eben gar nicht. Aufzuschlüsseln, warum wir bestimmte Handlungen vornehmen, die aus einer leicht verschobenen Perspektive abstossend wirken oder sogar tabuisiert sind, ist ein philosophischer Prozess und kann immer wieder in Sackgassen führen. Ich persönlich kann die «Tierfrage» nicht von der «Menschfrage» lösen, da ich mich als Teil der «Tier-Community» sehe. Ich weiss, dass dies nicht der Norm entspricht, und dann frage ich mich gleich wieder, ob eine Katze andere Katzen als wichtiger empfindet als Menschen; ich habe den starken Verdacht, dass viele Tiergenossen nicht dermassen diskriminieren, da sie sich nur auf der elementaren Ebene als wichtig erachten. Es ist nicht die Einschätzung «wer ist wichtig(er)?», sondern «ist der da Futter, oder bin ich es womöglich?» Diese Frage wird in der menschlichen Gesellschaft kaum mehr gestellt, Kannibalismus stellt ein Tabu dar, es ist ungeheuerlich, wenn eine Schlange ein Kind fressen kann… ist die Frage geklärt für ein Wesen nebst dem Mensch, werden viele neugierig und wollen wissen, wer da vor ihnen steht. Darum hat mich Deine beiden Logeinträge auch so angesprochen! Wir sind uns, losgelöst von gesellschaftlichen Einschränkungen, plötzlich so ähnlich, und ich kann nicht einmal mehr eine Ameise gewissenlos wegschnippen- wenn man sie nämlich beobachtet, transzendiert jede ihrer Bewegungen eine universale Neugierde auf das Gegenüber.
        Ich hoffe, mein Gedankenfluss war nicht zu chaotisch, aber ich würde sehr gerne weiter darüber mit Dir nachdenken 🙂

        1. Ich finde auch, dass die „Tierfrage» eng mit der Frage „Was ist der Mensch» zusammenhängt, ja sogar, dass der Mensch erst mit dem Tier als Gegenüber bestimmen kann wer er ist. Der Mensch braucht das Tier als Gegenüber um sich (besser) zu verstehen, und zwar durch Identifikation und Differenzierung.
          Das wurde schon immer so gemacht, und immer schon (oder zumindest seit der Neuzeit) hat der Mensch sich radikal losgesagt vom Tier. Aristoteles nannte den Menschen „zoon logon echon», also „vernunftbegabtes Wesen“, lateinisch „animal rationale“. „animal“ ist in diesem Begriff so die Kernbedeutung, „rationale“ eine Art Zusatzbestimmung oder Auszeichnung. Der Mensch als geselliges Wesen ist bei Aristoteles (und Platon), „animal politicon“. Bei den alten Griechen, und dem müsste ich genauer nachgehen, ist Mensch als Lebewesen mit Tier scheinbar problemlos austauschbar. Er ist also vor allem anderen ein Tier. Das „rationale“ (vernunftbegabt) eine Art Zusatzbestimmung (welche natürlich auch für die Griechen sehr wichtig war). Auf diese Zusatzbestimmung, v.a. in der Form von Sprache (logos) wurde in der Folge von fast allen Denkern immer wieder hingewiesen, und als DAS Merkmal benutz das den Menschen vom Tier abhebt: Der Mensch kann sprechen, das Tier nicht, und folglich ist der Mensch grundverschieden. Der Geschichte dieser Abgrenzung (Mensch – Tier) geht Derrida, in seinem, wie ich finde, sehr unterhaltsamen Vortrag „l’animal que donc je suis“ (Das Tier, das ich also bin) nach. Er versucht diese selbstverständliche und eindeutige Grenze zu dekonstruieren, also zu zeigen, dass die Grenzziehung forciert ist, dass sie nicht zwingend aus der Denkbewegung folgt, sondern das Ziel hat den Menschen (immer wieder von neuem) über das Tier zu stellen.
          Die Verbundenheit des Menschen mit den Tieren, dass er sich eben wieder erkennt und mit den Tieren mitfühlt, wurde übrigens sehr schön in Kurzgeschichten von John Berger „Why look at animals“ geschildert. Die Kulturwissenschaften (etwa mit Berger) haben einen grossen Anteil daran, dass sich die Perspektiven auf die Tierfragen gegenwärtig gerade ziemlich verschiebt. (Das Tier gilt ja erst seit kürzerem juristisch nicht mehr als blosse Sache, ein Verständnis das im Grunde Descartes Tier als Maschine entspricht, und schon lange völlig überholt ist.)
          Es freut mich, dass Dich das Thema anspricht. Ich bleibe an dem Thema dran, und werde in Zukunft den einen oder anderen Text (-stelle) hervornehmen. Grüsse Simon

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